Mit dem Nachtzug nach Italien

Nachtzug statt Flugzeug! Ich reise so, so gerne. In den letzten Jahren bin ich dafür immer wieder in Flugzeuge gehüpft und nach London, Lissabon oder Helsinki gejettet. Die Menge an dafür ausgestoßenem CO2 kam mir aber zunehmend absurd vor und so habe ich mir selbst versprochen, mindestens 2019 auf keinen Fall in ein Flugzeug zu steigen. Einen Appell, warum wir mit dem Fliegen aufhören sollten, findet ihr hier. Es gibt eine Menge tolle Reiseziele in der Nähe, aber ich muss schon gestehen, ab und an gerne etwas weiter weg zu sein.

Wir haben uns also vor den Osterferien das Bahn-Streckennetz in Europa mal etwas genauer angeschaut und sind auf eine Menge spannende Routen gestoßen. Für unsere erste, weite Nachtzug-Strecke haben wir Italien als Ziel ausgewählt. Ein Land das wir sehr lieben und wo wir noch nie gemeinsam dort waren.


Sonnenuntergang am Münchner Ostbahnhof. Leichte Aufregung im Bauch. Ach, wie wunderbar. Einen Rucksack finde ich zum Reisen übrigens viel praktischer, als einen Koffer. 

Die Buchung

Die Buchung war leider das Bescheuertste an der ganzen Reise. Die Deutsche Bahn hat ja vor ein paar Jahren, leider leider, alle Nachtzüge abgeschafft. Dankenswerterweise haben andere Bahn-Gesellschaften die Züge gekauft und fahren viele der Strecken weiterhin. Die Strecke nach Italien wird von der ÖBB, also der Österreichischen Bahn angeboten. Leider waren alle Buchungs-Tools ungnädig. Wegen Bauarbeiten auf dem deutschen Abschnitt war die Strecke ewig nicht freigegeben und wir waren lange unsicher, ob wir überhaupt fahren können. Das war total ungut kommuniziert und hat ohne Ende genervt. Schließlich war es dann unmöglich, die Reise von Berlin nach Florenz über eine Reisegesellschaft zu buchen, weshalb wir im Falle von Zugverspätungen keinerlei Absicherung gehabt hätten. Also bei der Deutschen Bahn konnten wir nur die Strecke nach München buchen, bei der Österreichischen Bahn nur die Strecke von München nach Florenz. Ich hatte noch den Tipp bekommen, dass es manchmal über die Schweizerische Bahn funktioniert, aber das ging auch nicht. Lange Rede, kurzer Sinn: Wir hatten irgendwann die Tickets, aber es war ein echt langer Fight und wir haben ein paarmal gedanklich schon aufgegeben. Da ist noch Luft nach oben, liebe Bahngesellschaften! Ziemlich viel Luft sogar.


Nicht gerade geräumig. Für meinen Mann mit seinen fast zwei Metern war es schon eine Herausforderung. Wobei das in Flugzeugen auch immer so ist… gibt es überhaupt ein Verkehrsmittel, das für so große Menschen geplant wurde?

Der Preis

Wir haben im Nachtzug die Luxus-Variante mit Dreier Privat-Abteil genommen. Das ist die teuerste Variante, wir haben von München bis Florenz zu dritt 390 Euro gezahlt. Also 130 Euro pro Strecke pro Person. Hin und zurück 260 Euro. Für einen Flug hätten wir zu demselben Zeitraum sogar mehr bezahlt. Allerdings kam ja noch die Strecke Berlin – München hinzu. Wenn man die früh bucht, kommt man da auch gut mit 30-40 Euro pro Person weg, eine BahnCard 50 macht sich außerdem eh gut. Ich hatte sogar noch so viele Bahn-Bonus-Punkte, dass sie uns jetzt gar nichts gekostet hat. Mit der Strecke ohne BahnCard wäre man aber über dem Flugpreis gewesen. Die günstigsten Nachtzug-Tickets für die Strecke hätten übrigens nur 39 Euro pro Person gekostet – dann mit Sitzplatz im Sechsar-Abteil. Wir haben durchaus auch Familien gesehen, die das gemacht haben. Ist vielleicht auch mal einen Versuch wert…


Faultier Freddie hat sich sehr wohl gefühlt! Was außerdem nie fehlen darf: Zahnpflege. (Zahnbürste mit Wechselkopf, mit den Bambus-Bürsten komme ich nicht so gut klar)

Die Dauer

Das ist Slow Travel! Mit dem Flieger ist man in knapp zwei Stunden in Florenz, per Zug dauert das deutlich länger. Da wir den Nachtzug auf keinen Fall verpassen wollten, haben wir ordentlich Puffer zwischen Ankunft und Abfahrt in München eingeplant. Wir haben von Berlin nach München etwa vier Stunden gebraucht und hätten mit unserer Planung drei Stunden Aufenthalt gehabt. Da unser geplanter Zug ab Berlin wirklich ausgefallen ist, hatten wir „nur noch“ zwei Stunden Aufenthalt, die wir in einem Lokal in Bahnhofsnähe verbracht haben. Ganz entspannt. Ich war sehr froh um unseren Puffer. Dann ging es schließlich in den Nachtzug – wie aufregend! Laut Plan fährt der Nachtzug etwa 11 Stunden. Unser Zug auf dem Hinweg hatte etwas Verspätung aufgebaut und am Ende eher 13 Stunden gebraucht. Auf dem Rückweg war alles auf die Minute pünktlich.

Im Nachtzug

So ein Nachtzug-Abteil ist echt klein. Man könnte fast sagen, absurd klein. Aber es geht. Man muss sich ein bisschen organisieren, Ordnung halten und sich absprechen – wer muss wann durch etc. Die Betten waren erstaunlich gemütlich. Wer möchte, kann sich beim Zugbegleiter ein zweites Kissen geben lassen. Wer Lärm-empfindlich ist, tut gut daran, von den bereit liegenden Oropax Gebrauch zu machen. Badezimmer und Toilette waren in Ordnung, aber kein totaler Quell der Sauberkeit. Am Anfang schon, ich frage mich immer, wer da so herumsaut. Es hat ausgereicht, aber duschen würde ich nicht unbedingt im Zug machen, sondern dann am Ziel.

Was ich nächstes Mal mitnehmen würde, ist ein kleines Handtuch zum Gesicht und Hände abtrocknen, da hatte ich nicht dran gedacht. Im Zug gibt es zwar welche, aber die sind in Plastik verschweißt und auch sonst irgendwie unangenehm. Ebenfalls viel zu viel Plastik steckt im Frühstück, das man an Bord bekommen kann. Den Kaffee wollten sie nicht in mitgebrachte Becher füllen – da ist noch extrem viel Luft nach oben. Da sollte man sich also selbst gut vorbereiten und sich ein schönes Zero Waste Frühstück einpacken. Was außerdem fehlt ist WLAN, das gibt es bisher noch nicht in den Nachtzügen der ÖBB. Steckdosen waren aber immerhin vorhanden – und ausreichend Datenvolumen in den Handyverträgen.


Noch ein letztes Eis, bevor es dann nach zwei tollen Italien-Wochen wieder in den Nachtzug ging. Ihr seht im Hintergrund den wunderschönen Florenzer Bahnhof. 

Die Nächte

Auf der Hinfahrt haben wir schlechter geschlafen, als auf der Rückfahrt. Ich glaube, weil wir da dann schon genauer wussten, was auf uns zukommt. Wir waren auf beiden Strecken öfter wach, als normalerweise. Aber dann kann man aus dem Fenster schauen und sehen, wie die Welt so an einem vorüber zieht, ich fand es total schön. Meine Tochter hat tief und fest geschlafen. Laut eigener Aussage nur auf einem Hausboot besser. Sie mag es, wenn es schaukelt.


Nachtzug fahren? Ein Spaß für die ganze Familie 🙂

Fazit

Ich würde jederzeit wieder mit dem Nachtzug reisen. Bevor ich mich wieder so lange durch nervige und abstürzende Buchungstools klicke, leiste ich mir nächstes Mal vielleicht einfach ein Reisebüro – mal sehen. Auch würde ich mich hinsichtlich plastikfreies Frühstück besser vorbereiten. Nächstes Mal probieren wir eine andere Strecke aus, ich bin schon gespannt darauf. Nach London müsste ich mal wieder… vielleicht im Herbst 🙂
Dann mache ich auch tollere Fotos… bei der Italien-Reise lag der Fokus irgendwie mehr im Moment, als im Foto. Auch schön!

In den Highlights meines Instagram-Kanals findet ihr einiges an Bewegtbild aus dem Nachtzug. Schaut mal rein.

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Comments

2 Responses to “Mit dem Nachtzug nach Italien”
  1. Lisa sagt:

    Hi, wenn ihr in Berlin seid, dann bucht bei Kopfbahnhof an den Yorckbrücken. Ich reise seit über 20 Jahren so, und die Truppe dort kennt sich wirklich gut aus und findet auch die besten Tarife. Seit ein paar Jahren müssen sie dafür eine kleine Gebühr in rechnung stellen (ich meine 3-6 €, aber meistens finden sie bessere Tarife als ich bei meinen Internetrecherchen vorab gefunden habe), weil die Bahn will, dass man online bucht und Agenturen entsprechend weniger bekommen. Ihr könnt ihnen auch einfach eine Mail schreiben und sie schicken euch die Tickets zu. Oder wenn ihr doch selbst bucht, macht es über den Link auf ihrem Portal (http://www.kopfbahnhof.info/), dann bekommen sie ein wenig dafür. Ich buche seit knapp 20 Jahren da und bin super zufrieden.
    Ich habe mindesstens ein Dutzend Auslandsreisen dort gebucht.

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