Höre ich irgendwann auf, Fußballfan zu sein?

Saison zu Ende. Schluss, aus. Werder weiterhin erstklassig, der HSV hat den Abstieg geschafft und ganz Deutschland ist jetzt für ein paar Tage Fan von Kiel – denn den VfL Wolfsburg braucht wirklich kaum ein Mensch. Zeit für eine kleine Zwischenbilanz. Fußball auf Green Friday. Darf auch mal sein.

Obwohl ich eine Dauerkarte habe, schaffe ich es nicht mehr so häufig ins Stadion. Der Job, die Familie – oft will oder muss ich meine Prioritäten wo anders setzen. Wobei es das alleine nicht ist, es hat auch einfach schon mal mehr Spaß gemacht.


Foto: Clemens

Buh, Erfolgsfan, könnte man mir nun vorwerfen. Das möchte ich aber entschieden verneinen. Schon vor einigen Jahren, als Werder den Vertrag mit Wiesenhof verlängerte, war ich verärgert und habe in diesem Zuge meine Vereinsmitgliedschaft gekündigt. (Hier geht es zu meinem Abschiedsbrief) Bisher habe ich sie auch nicht wieder aufgenommen – Wiesenhof ist noch immer Sponsor und auch sonst hat es keine Entwicklungen zu einem ernsthaft grüneren Verein gegeben, wie etwa vegetarisches Essen im Stadion oder anständig produziertem Merchandise. Immerhin Pfandbecher gibt es im Weserstadion schon sehr lange.
Doch auch über die Grenzen des eigenen Vereins hinaus läuft vieles in Richtungen die mir nicht gefallen… neben den Vereinen Leverkusen, Wolfsburg und Hoffenheim findet auch Leipzig mittlerweile in Liga eins statt. Diese Vereine haben Marken (bzw. einen Superreichen) hinter sich stehen und wären ohne diese nicht handlungsfähig. Diese Vereine in der Liga zu haben, ist aus einigen Gründen ungut. Sponsorings gibt es bei allen Vereinen, dass Vereine Markennamen im Vereinsnamen haben ist noch mal was anderes – siehe Bayer Leverkusen und auf seine Art und Weise auch Leipzig. Das fühlt sich für mich falsch an. Dass diese mehr oder weniger zusammengekauften Vereine auch in der Regel die mit der am wenigsten ausgeprägten Fankultur sind führt dazu, dass die Stimmung grade zu den Sonntags -und sogar Montagsspielen, die es mittlerweile leider gibt, stark leidet. Es reisen kaum Anhänger aus Hoffenheim und Co durch die Republik, um ihre Mannschaft anzufeuern. Einfach aus dem Grund, dass da eben nicht über viele Jahrzehnte eine Fankultur gewachsen ist und die Fans sich von der Regionalliga mit ihrem Verein langsam weiter nach oben gearbeitet haben. Gestern ging es für Wolfsburg noch um alles, das Stadion war nicht einmal ausverkauft. Bei Vereinen wie Bremen, Freiburg, Stuttgart oder auch Hamburg ein undenkbares Szenario.
In dieser Saison ist der Videobeweis dazugekommen und der verändert für mich das ganze Fußball-Erlebnis immens. Was ist denn eine der tollsten Sachen am Fußball – warum gebe ich mir diesen Wahnsinn Woche für Woche, Saison für Saison? Ich würde sagen: Die Unmittelbarkeit, der Moment. Wenn ich also im Stadion stehe und mein Verein schießt ein Tor, ich anschließend die Tormelodie höre, die Bierdusche spüre und den Schiedsrichter auf die Mittellinie zeigen sehe – dann hat das ein Tor zu sein. Auch wenn vielleicht drei Spielszenen vorher ein Foul passiert ist oder es ein sogar mal ein Abseitstor gibt. Zumal hier mit verschiedenem Maß gemessen wird. Ein Foul, das in einem Spiel zur Aberkennung eines Tores führt, hat in einem anderen Spiel keine Auswirkung. Die Willkür findet nun einfach nur wo anders statt, und zwar nicht mehr auf dem Feld. Wenn, dann müsste der Videobeweis komplett auf alle Spielsituationen angewendet werden. Denn auch der falsche Einwurf kann zu einem Tor führen und auch eine nicht gegebene Karte in einem Spiel führt im Zweifelsfall erst zu einer späteren Gelbsperrung des Spielers. Wenn aber jede Situation durch den Videoschiedsrichter bewertet wird, würde das Spiel nicht mehr anzusehen sein. Mein Wunsch: Schafft den Quatsch einfach wieder ab, lasst uns Fußball gucken, wie er eben ist – mit Fehlern auf allen Seiten: Bei Spielern, Schiedsrichtern, Trainern und allen anderen.
Jetzt kann ich fußballtechnisch in jedem Fall erst mal durchatmen, die WM interessiert mich nicht weiter. Ich bin gespannt, was die neue Saison so birgt – und ob ich irgendwann wirklich aufhöre, Fußballfan zu sein. Ich denke es schon seit Jahren, dass da irgendwann die Luft raus ist. Aber dann stehe ich wieder im Stadion oder sitze wahlweise in der Kneipe oder auf dem heimischen Sofa, das Herz schlägt mir bis zum Hals und ich bin 100% am Start. Let’s see.

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