Wie wird man Kleingärtner?

Annas Onkel schildert auf Green Friday seinen abenteuerlichen Weg vom Garten-Neuling zum passionierten Kleingärtner. Hier kommt Teil 3!

Eine ältere Dame empfängt mich zur Gartenbesichtigung, und wir nehmen auf der sonnigen Terrasse Platz. Es ist fast vollkommen still, nur Blätter rascheln und Bienen summen. Wunderschön, denke ich – genau davon habe ich immer geträumt. Die Laube ist ebenfalls ein wahres Schmuckstück, und eigentlich ist meine Entscheidung schon längst gefallen.

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Wir wechseln ein paar Worte, dann breche ich zu einer Besichtigungstour auf. Eine Freundin hat mir vorher geraten, worauf ich achten muss: Ich öffne und schließe die Fenster in der Laube, prüfe Schalter und Steckdosen, sehe nach, ob es irgendwo Schimmel gibt oder merkwürdig riecht, und natürlich muss der Garten inspiziert werden. Aber alles fällt zu meiner Zufriedenheit aus – bis die Dame den Preis nennt, den sie als Abstand haben will. Ich muss schlucken: Er liegt deutlich über meiner absoluten Obergrenze. Zwar wurden Laube und Garten vom Verein geschätzt, aber das sind nur Richtwerte, der Rest ist Verhandlungssache, außerdem fallen noch zig Nebenkosten wie für den Stromanschluss und für das Inventar an.

Ich schieße erst einmal eine Menge Fotos, um mich zu Hause in Ruhe zu entscheiden, außerdem zeige ich die Bilder Freunden. Die Begeisterung ist einhellig: “Greif zu!”, schallt es von allen Seiten.

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Jetzt setzt bei mir ein anstrengender Dialog zwischen Kopf und Bauch ein.

“Der Garten ist einfach klasse – so was Schönes findest du so schnell nicht wieder, und es ist genau das, was du haben willst”, sagt der Bauch und grinst zufrieden.

“Du hast doch keine Ahnung vom Gärtnern, und dann das Riesengrundstück! Das wird Stress pur – woher willst du die Zeit und die Kraft dafür nehmen? Das schaffst du nie”, flüstert der Kopf und macht ein sorgenvolles Gesicht.

Der Bauch wischt alle Bedenken rücksichtslos beiseite. “Gartenarbeit kann man lernen, und du hast doch schon ganz andere Herausforderungen in deinem Leben gemeistert. Wieso bist du auf einmal so ein Angsthase?”

“Hast du vergessen, wie teuer dich das alles zu stehen kommt? Einen solchen Preis kannst du dir nie im Leben leisten – willst du völlig pleite und abgebrannt sein?”, seufzt der Kopf.

“Egal – das ist die Sache wert. Schließ die Augen und erinnere dich an die Terrasse, das Grün und den Duft der Blüten. Na los, hopp, ruf die Dame an und mache einen weiteren Termin aus”, befiehlt der Bauch. Ich gehorche und greife zum Telefon, und der Kopf schweigt beleidigt – vorerst jedenfalls.

Der Garten ist so schön wie beim ersten Mal, aber diesmal sehe ich genauer hin. Alle Schränke werden geöffnet, ich inspiziere jeden Winkel und stelle unzählige Fragen. Antworten bekomme ich aber nur bedingt: Der Pächter ist gestorben, und die Dame ist seine Witwe und hat von vielen Dingen nur wenig Ahnung. Verhandeln kann sie dafür umso besser. Ein mühsames Feilschen um jeden Blumentopf beginnt, und ich muss entscheiden, was ich behalten will – für Geld, versteht sich- und was ich nicht brauche.

Der Schuppen und die Schränke enthalten allerlei eigentümliche Gegenstände und Geräte. Einen Rasenmäher erkenne ich zur Not noch wieder, und unter einer elektrischen Heckenschere kann ich mir zumindest etwas vorstellen. Aber was um alles in der Welt ist ein Vertikutierer? Ich traue mich nicht zuzugeben, dass ich allein das Wort noch nie gehört habe.

“Den brauchense unbedingt für den Rasen. Dafür will ick aba 100 Euro ham.”

Ich lehne dankend ab.

“Sind Se wirklich sicha? Dann hams Se hier in zwee Jahren ne Steppe vor de Nase.” Ich bleibe fest und blicke fragend auf die nächste blitzende Höllenmaschine.

“Der Häcksler ist so gut wie neu.” Brauche ich ein solches Ungetüm? Wieder schüttle ich zaghaft den Kopf. “Wat meinense, wat von den Bäumen so allet runterkommt. Oder wennse die Hecke geschnitten haben – dann erst! Dat können Se sich alles wohl jar nich vorstellen.”

So geht es in einer Tour weiter. Ein Karton mit Schlüsseln mit unklarem Verwendungszweck taucht auf, in einem Schrank stehen unzählige Flaschen mit Flüssigdünger und grusligen Chemikalien. Die will ich auf gar keinen Fall, so viel steht gleich fest. In der Kochecke stapelt sich hässliches Geschirr, überall steht Nippes, in einer anderen Ecke liegt eine dicke schwere Folie.

“Damit müssense die Beete abdecken, wenns friert.” Muss ich nicht, will ich nicht, das Ding soll weg. Dafür ereilt mich ein strafender Blick: “Sarense ma, wozu wolln SIE eigentlich nen Garten?”

Gute Frage, denke ich, und auch der Kopf, der in der letzten Zeit geschwiegen hat, will sich wieder zu Wort melden. Aber wieder siegt der Bauch. “Willst du jetzt auf stur schalten? Zieh das hier durch, damit du noch was vom Sommer hast”, raunt er mir zu und sorgt dafür, dass keine Verschnaufpause aufkommt. Alles läuft wie im Rausch. Ich leere meine Sparbücher, um den Abstand zu überweisen, werde Mitglied im Gartenverein, schließe einen Pachtvertrag, der Strom- und der Wasservertrag des Grundstücks müssen natürlich auch auf mich umgeschrieben werden, ein Trödler holt altes Geschirr, wacklige Möbel, Gartenzwerge und sonstigen Nippes ab, und dann zieht die Dame ab.

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Ich bin wie betäubt, sitze mutterseelenallein auf einem großen Grundstück mit Laube und muss mich in den Arm kneifen. Das gehört jetzt alles mir – aber grundgütiger Himmel, was fange ich jetzt bloß damit an???

“Du bist ein alter Esel – jetzt haben wir den Salat!”, schimpft der Kopf. Der Bauch ist natürlich anderer Meinung. “Alles wird gut, du schaffst das. Jetzt holst du dir erst einmal ein Polster, setzt dich auf die Terrasse, schaust ins Grüne und atmest tief durch”, befiehlt er. Ich gehorche brav – und freue mich, dass der Bauch gewonnen hat …

 

Im nächsten Teil wird es richtig grün – dann wird der Garten in Angriff genommen!

Hier findet ihr übrigens Teil 1 und Teil 2.

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