Hingehen: The Whole World Ausstellung

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Das Haus der Kulturen der Welt zeigt gerade die Ausstellung „The Whole Earth. Kalifornien und das Verschwinden des Außen“, die extrem sehenswert ist. Warum und was es da alles zu gucken gibt ist gar nicht so einfach zu erklären. Diedrich Diederichsen und Anselm Franke haben diese Ausstellung so vollgepackt und vielschichtig aufgezogen, dass sich sogar mehrmals hingehen lohnt.

Es geht um die sogenannte Gegenkultur in Kalifornien. Es geht um eine ihrer wichtigen Schriften, den Whole Earth Katalog, seine Wirkungsmacht und seine Wechselwirkungen mit der globalen, alternativen Bewegung. Und es geht um die Frage, wie die Gegenkultur nicht nur Umwelt- Friedens- ,Esoterik- und schließlich „Computerbewegung“ und Musik beeinflusst hat, sondern auch einer neuen Form von postmodernen Kapitalismus Vorschub geleistet hat.

Die zentrale Figur in der Ausstellung ist ein Mann namens Stewart Brand. 1966 startete er eine Kampagne, in der er die Nasa dazu aufforderte ein Farbfoto der ganzen Erde zu veröffentlichen. Und das tat die Nasa. 1968 brachte Stewart Brand den Whole Earth Katalog heraus mit „Access to Tools“. Die Tools waren Produktempfehlungen und Tipps für ein Leben in einer alternativen Gemeinschaft. Vorne drauf  das ikonenhafte Nasa Bild der Erde. Das Foto des blauen Planeten wurde später zum Symbol der Umweltbewegung der 70er und 80er Jahre und der Katalog zu einem wichtigen Dokument der kalifornischen Alternativbewegung. 1972 hatte er eine Auflage von 1,5 Millionen. Esoteriker, Umweltbewegte, Hippies – alle fanden hier Inspiration. Und auch Technik- und Fortschrittsbegeisterte. Der Whole Earth Catalog wollte Technologie und Umweltbewegung versöhnen und empfahl bereits den ersten Personal Computer. Steve Jobs bezeichnete den Katalog sogar als Vorläufer von Suchmaschinen im Web.

Die Ausstellung arbeitet sich vielseitig an der Gegenkultur ab, mit Hilfe kulturhistorischer Materialien und künstlerischer Arbeiten. Es gibt Objekte und Abhandlungen, Schaubilder und Videoaufnahmen, Gitarrenmusik und Textzitate… Die erste Ausgabe von „Grenzen des Wachstums“ vom Club of Rome ist zu bestaunen und jede Menge Songs von Jefferson Airplane. Es geht um Politik und Gesellschaft, um Systemtheorie und Delfinkommunikation, um Kybernetik, Boudrillard und Yoga-Sex.

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Clarks –> wurden schon  im WEC empfohlen           Mein Alibi für den 27. April.

 

Ein wirklich spannender Part ist die Frage, in wieweit die Gegenkultur „nur eine Entwicklungsabteilung des Kapitalismus“ war. Sie war angetreten, den Menschen zu befreien aus der Technokratie, der Fließbandarbeit und gesellschaftlichen Normen. Sie wollte die Menschen vernetzen und Zugang zu Wissen ermöglichen. Kalifornien. Eben noch der Ort der gentle people with flowers in their hair in San Francisco, schon das Zentrum eines neuen, postmodernen Kapitalismus im Silicon Valley. Aus Soziologie und dem Interesse an den Bedürfnissen der Menschen wurde Marktforschung, aus der sexuellen Befreiung die Pornoindustrie, aus spirituellem Orgasmus-Yoga wurde Fit-für-den-Job-Wellness-Yoga für Zwischendurch, aus digitaler Vernetzung die erste New Economy Blase, aus esoterisch-psychologischen Ratgebern zur Selbstbestimmung wurden esoterisch-psychologische Ratgeber zur Ellenbogen-Gesellschaft. Hätte Silicon Valley Milliarden mit Hilfe kreativer, Selbstverwirklichung im Job anstrebender Menschen erarbeiten können, wenn es die Gegenkultur nicht gegeben hätte? Man weiß es nicht. Den Dead Kennedys war die ganze glückliche Alternativbewegung ja generell suspekt und sie warnten in California uber alles:  „Zen fascists will control you 100% natural – die on organic poison gas“. 

Doch bevor die ganzen Anti-Ökos jetzt applaudieren. Als Reagan an die Macht kam, sollen die Dead Kennedys gesagt haben: „We have a bigger problem now.“

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Haus der Kulturen der Welt
The Whole Earth  – Kalifornien und das Verschwinden des Außen
bis zum 1. Juli 2013 // 3 – 5 Euro
Konferenz am 21. und 22. Juni

Linktipps:
Moma hat die Geschichte des Whole Earth Catalog sehr gut aufgearbeitet
Steward Brand bei Wiki
I
nterview mit Diedrich Diederichsen im Monopol Magazin

 

Kategorien Kultur

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Im Gegensatz zu Kunst sollte Essen bodenständig sein. Ich bin für: Das große Ganze untersuchen // das Kleine bewundern // Entdeckungsreisen // Gute Laune // konkrete Pläne // abgefahrene Ideen // Fusion ohne Regen // Transparenz & Lobbycontrol// Arbeit, von der man leben kann. Überall auf der Welt // sich anmalen // vegi Ernährung (gelingt mir noch nicht immer) // Gui Boratto im Sonnenuntergang – ermöglicht durch eine Photovoltaik-Anlage // Sich reinhängen // Ökosoziale Marktwirtschaft versuchen // nicht mehr verbrauchen als einem zusteht // Einen Ort, an dem ich meinen Gedankenwust platzieren kann: Green Friday. Pop & Poesie gibt es hier: http://juliafriday.tumblr.com Bunte Bilder: http://pinterest.com/juliaschimanzky/

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