Wie lernt man den Umgang mit einem Garten?

Und weiter geht es mit dem Kleingarten-Bericht von Annas Onkel Berthold.

Da bin ich nun Herr über einen eigenen Kleingarten und habe gleichzeitig nicht den leisesten, blassesten Schimmer, was ich überhaupt damit anfangen soll! Ebenso unsicher wie vorsichtig bewege ich mich zwischen unbekannten Pflanzen hin und her und fühle mich wie ein ungebetener Gast bei wildfremden Leuten in einem vornehmen Salon mit kostbaren Möbeln und antikem Nippes.
Abgesehen vom Lavendel kenne ich praktisch keine Pflanze auch nur dem Namen nach, und ich habe keine Ahnung, was die Dinger an Pflege brauchen. Klar, man sollte vielleicht mal gießen, aber wie viel, wie oft und wann? Und wie ist es mit düngen oder so?
Ich bin völlig ratlos.
Die entscheidende Hilfe kommt in Gestalt meiner befreundeten Nachbarn Johan und Annika. Unbekümmert schwingen sie sich in alte Klamotten und radeln mit mir hinaus, bewundern die Laube, öffnen alle Schränke, finden dort unverzichtbare Gerätschaften – und äußern den alles entscheidenden Spruch:
„Man muss einfach anfangen.“
Genau so ist es, und genau das tun wir.

An dem nun folgenden Buddel-Samstag lerne ich eine Handvoll unverzichtbarer Faustregeln (Ausnahmen nicht ausgeschlossen):

– Was tot ist, wird ausgegraben und kommt weg.

– Abgestorbene Pflanzenteile werden abgeschnitten – den meisten Pflanzen tut das sogar nur gut, und sie kommen dann umso üppiger.

– Offensichtliches Unkraut kommt raus.

Eigentlich banal, oder? Und konkret heißt das: Ich brauche eine Rosenschere, eine Schaufel und ein Behältnis zum Einsammeln des Grünabfalls.

Nächster Schritt: Falls noch nicht vorhanden, lege man einen Komposthaufen an oder ganz edel: einen Thermokomposter aus Kunststoff, und siehe da, der Gartenmarkt hilft weiter, und ein paar Trittsteine erleichtern den Zugang!

2011-09-01-Kompost-1

Den ganzen Tag buddelt jeder von uns fröhlich in seiner Ecke vor sich hin, der Komposthaufen wächst, totes Gezweig wird entfernt, und wir säen einfach einmal ein paar Ringelblumen.

Schon bald bilden sie einen dichten Teppich und säen sich von da an fleißig selbst aus.

2011-09-09-Ringelblumen

Danach ist das Eis gebrochen: Ich weiß, was ich zu tun habe. Auf ausgesäte Pflanzen zu warten ist mühsam. Wer weiß, was da herauskommt, ob überhaupt etwas gedeiht und ob es nicht am Ende doch irgendein Unkraut ist? Heißt im Klartext: Fertige Pflanzen in der Gärtnerei besorgen! Der Vorteil ist außerdem: Ich kann mir die Namen notieren, mir aufschreiben, was ich wann und wo eingepflanzt habe, und ich kann künftig recherchieren, was man mit den konkreten Pflanzen anfängt.
Rasch tue ich im Internet Gartenforen auf, die es dort gibt wie Sand am Meer. UserInnen mit poetischen Namen wie Heideröslein, Flowerpower, Rosenblüte, Superbiene oder Gartenfee tauschen dort spannende Tipps aus – und diskutieren eifrig, um welche Jahreszeit man einen Lavendel zurückschneiden muss („KREISCH – doch nicht schon im Juni!“ – „ach was, das macht man am besten im September“ – „Stellt euch nicht so an, in der Provence, da kommt einfach in Mähdrescher“), was man mit einem zu groß gewordenen Liebstöckel anfängt und ob ein Hortensie (watt isn ditte?) einen bestimmten Standort braucht. Ich lerne diese Diskussionen rasch lieben, nicht nur, weil ich dort so viel lernen kann, sondern weil sie auch so wunderbar unaufgeregt und unaggressiv sind – Gärtner eben.

„Wenn dein Liebstöckel an dem Standort zu groß geworden ist, solltest du ihn ausgraben und an eine Stelle setzen, wo er dich weniger stört. Liebe Grüße, Rosenblättlein“ – wie süß, danke Rosenblättlein, und jawoll, besser hätte man es nicht formulieren können!

Dabei – wie auch bei den Besuchen in der Gärtnerei – lerne ich wunderbare neue Pflanzennamen kennen. Liebstöckel kennt man vielleicht aus dem Gewürzregal im Supermarkt, Johanniskraut aus der Apotheke, Vergissmeinnicht aus romantischen Gedichten und Geranien vom spießigen Nachbarsbalkon, und unter Pfingstrosen oder Kranzlichtnelken kann man sich zumindest etwas vorstellen. Aber Hand aufs Herz, welches Großstadtkind kennt schon Blaukissen, Bleiwurz, tränendes Herz, Schmetterlingsflieder, Sonnenbräute, Storchschnabel, Fetthennen, Frauenmantel, Lungenkraut, Goldfelberich oder Gilbweiderich?
Noch immer kenne ich die meisten meiner eigenen Pflanzen nicht mit Namen, aber es ist erstaunlich, wie viele meiner Besucher mir weiterhelfen, die sich bald in neugierigen Scharen bei mir einfinden, sobald nur die ersten Liegestühle auf dem Rasen stehen.

„Aaaah, ist das aber eine tolle Kletterhortensie!“

„Was für schöne Pfingstrosen!“

„Die Phlox kommt wirklich gut bei dir!“

Oder: „Das ist eine Nachtkerze, beobachte die gut nach Sonnenuntergang.“

Und: „Löwenzahn in der Wiese ist ganz schlecht, den musst du ausstechen.“

2011-08-10-Beeren

Gewissenhaft notiere ich mir alles, lege ein Gartendokument im Computer an und bin fürbass erstaunt, wie viele heimliche Gärtner ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis habe! Und habe ich nur vorher noch nicht gemerkt, dass sich auf jeder Party eine Gartenecke bildet, in der dieses wunderbare Gesprächsthema die Leute zusammenschweißt, mehr als Smalltalk und trotzdem weniger anstrengend als neudeutsche Betroffenheitsdebatten?

Dort höre ich auch erstmals das Wort „Bodendecker“. Ja, genau! Mein heimlichster Wunsch erfüllt sich in diesem Wort – bloß keine nackte Erde mehr sehen, sondern überall grün, Pflanzen, die jedes Unkraut verhindern.

Und noch besser: In diesem Zusammenhang fällt das Wort „Walderdbeeren“.

Genial! Genau so! Nicht nur nützlich und gut aussehend, sondern auch noch lecker!!!

2011-08-11-Walderdbeeren

Ich finde eine Gärtnerei, die Walderdbeeren im Angebot hat, sie ist zwar in Treptow, aber mich kann jetzt gar nichts bremsen. Mit S-Bahn und Rad mache ich mich auf den Weg, um mich reichlich einzudecken. Dumm nur, dass ich natürlich nicht nur zig Töpfchen Walderdbeeren erstehe, sondern auch an tausend anderen Dingen nicht vorbeigehen kann. Himbeersträucher, hmmm!!! Und dann als Krönung des ganzen: ein Holunder!!!

Hat mal jemand behauptet, es gehe nicht ohne Auto? Papperlapapp! Die Himbeerbüsche finden Platz in meinen Packtaschen, die Erdbeeren werden in meinem Korb verstaut und per Gummistrippe festgezurrt, und ganz oben drauf kommt noch der Holunder, der ungefähr einen halben Meter nach rechts und links über den Gepäckträger hinausragt.

Auf dem Rückweg zur S-Bahn verfranze ich mich gründlich, stelle irgendwann fest, dass ich ohnehin schon halb in Steglitz bin, und beschließe, dass ich dann gleich die ganze Strecke fahren kann – eine Baumschule auf Rädern, mit wippenden Zweigen und vom Hupen genervter Autos begleitet, die offenbar Angst haben, beim Überholen in meinen Himbeeren hängen zu bleiben.

Aber kann so etwas abschrecken? Ganz im Gegenteil – jetzt bin ich auf den Geschmack gekommen, im wahrsten Sinne des Wortes! Ja, es ist MEIN Garten! Und in den kommt, was ICH will!!! Jetzt wird es lustig!
Und jetzt ist mein Garten endlich auch nicht mehr das fremde Wohnzimmer, sondern das, was ich angelegt habe!

 

Das nächste Mal erzähle ich, was man mit den Pflanzen Schönes anfangen kann – und welchen Ärger es trotz allem geben kann!

 

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Comments

2 Responses to “Wie lernt man den Umgang mit einem Garten?”
  1. Pita sagt:

    Wir haben letztes Jahr auch ordentlich aufgerüstet und hatten einiges mit dem Thema Sichtschutz zu tun. Ähnlich wie du beschrieben hast, haben wir solche Bambusmatten in Ergänzung zu einer Seitenmarkise verwendet.
    Die Rasenflächen wurden erweitert, da sie einfach pflegeleichter als eine aufwändiges Beet sind. Und die Sache mit den Farben hat am meisten Zeit in Anspruch genommen. Da kann ich jedem nur raten, sich die Zeit für die Planung zu nehmen und die Terrasse sorgfältig in Form und Farbe abzustimmen.

  2. Bernd sagt:

    Ein eigener Garten ist eine tolle Sache. Man kann sich im Internet sehr viele Tipps und Anregungen holen, wenn man einen eigenen Garten plant.
    Mit besten Grüßen,
    Bernd

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