Blauer Engel wartet auf Anträge

Obwohl Umweltschutz-Einrichtungen wie das Institut für angewandte Ökologie oder das Umweltzeichen „Blauer Engel“ für E-Book-Reader eine positive Öko-Bilanz ziehen, scheinen sich die Hersteller von Lesegeräten nicht gerade um das Siegel zu reißen.

kindle

Man weiß nicht, ob das Abendland wegen des E-Books bald untergeht. Prophezeit wurde sowas ja schon häufig. Weniger hysterisch betrachtet sind Lesegeräte und was man damit füttert dennoch, was bereits seit einer Weile sowohl Verlagswesen und Buchhandel als auch Schriftstellerei selbst und letztlich die Lesegewohnheiten gewaltig auf den Kopf stellt. In genau so großer Zahl wie E-Book und zugehöriges Lesegerät Themenfelder anschneiden, so viele Diskussionen über Sinn und Unsinn des E-Books sind noch zu führen. Totgequatscht erscheint das Thema jetzt schon. Grundlegend stoßen immer ein tradiertes Verständnis des intellektuellen Stimulans’ namens „Buch“, das doch erst auf Papier der einzig wahren Haptik entspricht, auf ein neueres Verständnis, demnach Roman, Ratgeber oder Biographie bloßer „content“ sind, dessen Medium allein sich in einer Metamorphose befindet, der man bisweilen noch etwas ratlos gegenüber steht, aber deren Zweck sich wiederum sehr überzeugend begründen lässt: spart Platz, spart Gewicht, ist also für uns als hypermobile Menschen höchst praktisch, ist bequem zu besorgen, hat eine Suchfunktion, einen Nachtmodus, kann Schriftgröße auch für weitsichtige Omis lesefreundlich anpassen, spart Ressourcen. Dramatische Pause.

Was den letzten Punkt anbelangt, so wird dieser eigentlich doch nicht so häufig besprochen, wie man in einer Gesellschaft, in der grüner Konsum zunehmend zum guten Ton gehört, erwarten möchte. Wenn man im Zug einfach E-Book-Leser anspricht, warum ein Reader gekauft wurde, bekommt man nicht zu hören: „Also ab zehn oder mehr E-Books statt zehn oder mehr gedruckten Büchern im Jahr schlägt so ein Teil in Hinsicht auf Ressourcenaufwand, CO2-Ausstoß, Energieverbrauch, Schadstofffreiheit und letztendliche Recyclebarkeit das gedruckte Buch um Längen.“ Noch wahrscheinlicher ist da die Antwort, der Befragte habe eine Eselsohrphobie.

Das Institut für angewandte Ökologie in Freiburg und Darmstadt würde dem E-Book sofort eine positive Ökobilanz bescheinigen und hat es bereits getan. Schon 2011 prüfte das Institut in einer Studie verschiedene Lesegeräte um Kriterien zur Vergabe eines klimaschutzbezogenen Umweltzeichens zu ermitteln. Der E-Book-Reader, erstmal unabhängig von Hersteller und Typ, schaffte es unter die Top 100 der „Produkte und Dienstleistungen“, die nachhaltig und klimaverträglich wirtschaften oder erwirtschaftet werden. Das klimaschutzbezogene Umweltzeichen, das hierfür verliehen werden kann, ist kein geringeres als der blaue Engel, den wir alle von Verpackungen um recycltes Klopapier kennen. „Die Herstellung von E-Book-Readern, die mit dem Zeichen Der Blaue Engel ausgezeichnet sind, benötigen gerade mal so viel Primärenergie wie die Herstellung von zirka 10 Taschenbüchern“, lautet u.a. die Begründung. Der Blaue Engel also – seit 1978 das erste und bekannteste Umweltschutzzeichen der Welt, vergeben von einer unabhängigen Jury – hat klar Position bezogen. Eine Frage weniger, über die man sich Sorgen machen muss. Oder nicht?

Offenbar will das Siegel aber keiner haben. Schaut man in die Liste des Blauen Engels zu den Lesegerät-Herstellern, die einen Blauen Engel auf der Verpackung tragen könnten, zeigt sich gähnende Leere. Weder sind konkret Produkte wie ein Reader aus der kindle-Familie oder das Pendent von Sony hier vertreten, noch haben sich überhaupt Hersteller für die Prüfung und Vergabe des Siegels angemeldet. Bei Anruf beim Blauen Engel wird mir leider zugestimmt, dass bei den Herstellern einfach kein Interesse bestünde, und man sie auch nicht zwingen könne. Doch woran liegt dieses Desinteresse? Es mag damit zusammenhängen, dass auch selten bis niemals vom Leser der Einwand zu hören war, dass das Bücherdrucken und -binden an sich eine Ressourcenschlacht sondergleichen darstellt. Nur wenige Verlage bemühen sich, so umweltschonend wie möglich Bücher zu produzieren. Warum sollte sich das bei E-Books mit dem neuen Medium des „alten contents“ ändern?

Müsste man nun nicht fragen: Warum sollten wir die Chance vertun, jetzt die Nachhaltigkeitsfrage zu stellen? Während der Paradigmenwechsel E-Book sowieso über uns hereinbricht? Wer emotional an gedruckten Büchern hängt, sollte ruhig dazu stehen. E-Book-Reader riechen einfach nicht nach Tinte, wurden nicht in Leinen, Halbleinen oder Papier gebunden, haben kein Lesebändchen, sehen in Bücherregalen furchtbar aus. Was aber den Ressourcenaufwand betrifft, so ist diese Frage offenbar einfach zu beantworten. Hier würde sich der Antagonismus E-Book versus gedrucktes Buch zumindest in Hinsicht auf die Ökobilanz auflösen lassen. Wieso tun die Hersteller es also nicht? Wenn sie sich nur die „Vergabegrundlage für Umweltzeichen. E-Book Reader. RAL-ZU 158“ durchlesen und einem 45KB großen Antrag ausfüllen müssen? Dann müsste der Blaue Engel auch nicht mehr auf Anträge warten.

Kategorien Fun Friday

Ich sage: "Ich arbeite in einem Buchverlag" oder "Ich mache in Büchern" // Ich denke: 'Ich arbeite dort, wo man noch Wert auf Haptik legt, wo man jeden Tag von Papier umgeben ist, wo es nach Druckerpresse riecht, wo Bücher Kunst sind.' // Ich glaube: Dass uns niemand bildet, wenn wir es nicht selbst tun // Warum Green Friday: Weil zu schreiben beim Denken hilft // Weil Mitgestalten Pflicht ist // Weil es andere nicht tun // Verschlagwortung: Bibliophilie - David Foster Wallace // Musik! - Mr. Mojo Risin // Finnophilie - Mitä vittua?

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