Cradle to Cradle – Ich möchte ein Kirschbaum sein

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Wenn man mich vor Kurzem gefragt hätte, wie ich mir einen nachhaltigen Bürostuhl vorstelle, hätte ich vielleicht gesagt: ein Holzstuhl aus nachhaltiger Forstwirtschaft, unbehandeltes Holz, hergestellt in Handarbeit in einer kleinen Manufaktur. Aber sicherlich kein grauer Drehstuhl, der in seiner Produktbeschreibung was von Metall, Formschäumerei und Oberflächenbeschichtung erzählt. Aber dieser Stuhl will nachhaltig sein. Wie das geht? Mit dem cradle to cradle Prinzip.

Seit ich mich für green friday mit allen möglichen Themen rund um Wirtschaft vs. Umwelt beschäftige, läuft mir immer mal wieder der Begriff Cradle to Cradle über den Weg. Eine Trigema Shirt hier, ein Shampoo da, dazwischen ein kompostierbarer Turnschuh.

Also  habe ich mir im Urlaub ein schlaues Buch geschnappt: „Einfach produzieren. Cradle to Cradle: Die Natur zeigt, wie wir Dinge besser machen können.“ Von Michael Braungart und William McDonough.

Die Quintessenz gefällt mir gleich sehr gut. Cradle to Cradle, also von der Wiege bis zur Wiege, sollen die Menschen produzieren. Und sich dabei vor allem ein Vorbild an den Ameisen und den Kirschbäumen nehmen. Ameisen sind überall und sie sind viele und sie sind fleißig und sie verändern ihre Umwelt, z.B. durch das Produzieren von Ameisenhaufen. Aber sie beschädigen ihre Umwelt nicht. Das gleiche gilt für den Kirschbaum. Er ist ein sehr verschwenderisches Wesen, denn er produziert wahnsinnig viele Blüten, die dann auf den Boden fallen und da zu mehr Nährstoffen werden, als er braucht. Mit seiner Überproduktion und seiner Wegwerfmentalität zerstört er seine Umwelt nicht, sondern macht sie glücklich: Vögel, Pflanzen, Boden, alle profitieren vom fleißigen Schaffen des Kirschbaums.

Ihr merkt, die Philosophie ist diametral zu der der Postwachstumstheoretiker und Asketen.  Und klingt deshalb auch erst einmal gut. Der Mensch kann mehr als seine Zerstörungskraft minimieren, er kann was Gutes schaffen. Nicht Öko-Effizienz, sondern Öko-Effektivität ist das Erstrebenswerte. Wenn man Nachhaltigkeitsliteratur liest denkt man ja manchmal, eigentlich sollten wir uns alle in ein Erdloch legen und sterben. Das wäre am umweltfreundlichsten. Der Mensch macht mit seiner Produktivität alles kaputt. Mehr Menschen heißt mehr Umweltverschmutzung. Wir basteln zu viel rum und verbrauchen dafür zu viel Ressourcen. Eigentlich dürfen wir nichts mehr konsumieren, das macht irgendwo auf der Welt was kaputt. Eigentlich müssten welche von uns gehen, denn umso mehr wir sind, desto fataler sind die Auswirkungen.

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Nicht nach der Cradle to Cradle Philosophie. Cradle to Cradle Produkte sind nach dem Verbrauch kein Müll, sondern… sowas wie Dünger. Wenn Menschen so leben und produzieren würden wie Ameisen und Kirschbäume, so die Autoren, könnten wir fleißig und kreativ und verschwenderisch sein und viel wegwerfen und neu produzieren, denn unser Abfall wäre Nährstoff für andere, kompostierbar, für andere sinnvolle Dinge nutzbar. Wenn wir was wegwerfen, tun wir was für den Stoffkreislauf.  Dafür muss aber die gesamte Produktion umgekrempelt werden. Auch was wir zur Zeit als Recycling kennen, ist vor allem Downcycling. PET Flaschen sind nicht gemacht um täglich als Jacke unsere Haut zu berühren, darin ist viel zu viel giftige Chemie. Man muss von Anfang an ganz anders an die Sache ran gehen und einfach eine Welt ohne Müll und Giftstoffe kreieren.

Und wie funktioniert das? Da haben Baungart und McDonough ein paar Antworten. Die beiden sind nicht nur Wirtschaftsphilosophen, sondern haben auch was Richtiges gelernt. Baungart ist Chemiker, Professor für Verfahrenstechnik und berät mit seiner Epea GmbH Firmen, die mit anderen Firmen Cradle to Cradle Produkte kreieren. McDonough ist Architekt und hat ein Büro, das auf ökologische Bauweise spezialisiert ist. Männer aus der Praxis also.

Aber wie macht man das jetzt, leben produktiv und frei wie ein Kirschbaum? Und jetzt wird’s auch schwierig. Den Masterplan gibt es nämlich nicht. Alles muss neu oder wieder erfunden werden. Zuerst müssen Produktion und Produkte von Schadstoffen befreit werden. Für jedes Produkt muss in jeder Region ein eigener Weg, ein eigener Zyklus erarbeitet werden. Es muss mit natürlichen Energieströmen gearbeitet werden. Mit so weit es geht lokalen Materialien.  Wenn Verbraucher etwas nicht selber recyclen können, kaufen sie das Produkt nicht, sondern leasen es nur. Hersteller, z.B. von Fernsehern, bekommen dann ihre teuren Stoffe zurück und können sie weiter verarbeiten.

Mehrere hundert Produkte gibt es schon. T-Shirts von TrigemaReinigungsmittel von EcoverKompostierbare turnschuh von puma, Ipad-Hüllen aus Filz.

Die große Frage: lässt sich das wirklich auf die gesamten Produktionsabläufe der Menschen übertragen? Da haben Braungart und McDonough viele Skeptiker. Aber wer weiß… viele Genies galten ja zu ihren Lebzeiten als Spinner 😉

Mehr zu Cradle to Cradle hier:
– Süddeutsche

– Direkt beim Herrn Braungart und EPEA

– Sehr guter Artikel in der taz.

– in der ARD

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Kategorien Gesellschaft

über

Im Gegensatz zu Kunst sollte Essen bodenständig sein. Ich bin für: Das große Ganze untersuchen // das Kleine bewundern // Entdeckungsreisen // Gute Laune // konkrete Pläne // abgefahrene Ideen // Fusion ohne Regen // Transparenz & Lobbycontrol// Arbeit, von der man leben kann. Überall auf der Welt // sich anmalen // vegi Ernährung (gelingt mir noch nicht immer) // Gui Boratto im Sonnenuntergang – ermöglicht durch eine Photovoltaik-Anlage // Sich reinhängen // Ökosoziale Marktwirtschaft versuchen // nicht mehr verbrauchen als einem zusteht // Einen Ort, an dem ich meinen Gedankenwust platzieren kann: Green Friday. Pop & Poesie gibt es hier: http://juliafriday.tumblr.com Bunte Bilder: http://pinterest.com/juliaschimanzky/

2 Kommentare zu “Cradle to Cradle – Ich möchte ein Kirschbaum sein

  1. haiwmqypjmdvkuqoeuywstfoa

  2. Um welchen Stuhl handelt es sich denn? Ich finde dazu nur am Anfang die Erwähnung oder ich übersehe es…

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