Warum wird man ausgerechnet Kleingärtner?

Nachdem der letzte Artikel von unserem Gast-Autor Berthold über seinen Kleingarten so gut ankam folgt hier der nächste!

Kleingarten – das klingt für die meisten erst einmal spontan nach strengen Vereinsvorschriften, Gemüsebeeten mit Bohnenstangen und Kohlköpfen in Reih und Glied, dazu spießige Nachbarn im Alter zwischen Vorruhestand und scheintot, die rund um die Uhr Gift gegen Ungeziefer versprühen und kein anderes Thema als ihre Rosenzucht kennen. Über allem schwebt ewig der Geruch nach angebranntem Grillfleisch, und dazu dröhnen Rasenmäher, elektrische Heckenscheren und Häcksler, während man sich genervt das vom Unkrautjäten schmerzende Kreuz reibt und Dornen aus den schwieligen dreckverkrusteten Händen zieht. Kurz und gut: Alles nicht besonders sexy. Ich muss außerdem ehrlich zugeben: In meinem engeren Freundes- und Bekanntenkreis hat kaum jemand einen solchen Garten. Eigentlich gar niemand.

Wie kommt man dann ausgerechnet auf die eigenartige Idee, sich freiwillig ein solches Ungetüm zuzulegen? Vor allem, wenn man weder Pflanzenfreak noch Biologieexperte ist, keinen grünen Daumen hat und überdies handwerklich vollkommen unbegabt ist?

Ich träumte anfangs auch gar nicht so sehr von selbstgezogenen Möhren, Gurken, Pastinaken und Salatbeeten. Aber ich war und bin absoluter Frischluftfanatiker, und mein Job erlaubt es mir, mit Laptop und drahtlosem Internet auch im Freien zu arbeiten. Und dann war ich gelegentlich doch auch einmal bei jemand im Garten eingeladen, und vor meinem geistigen Auge sah ich dann immer einen Liegestuhl unterm Obstbaum, lauschige Abende in trauter Runde auf der Terrasse und Einschlafen mit Blick in den Sternenhimmel. Natürlich immer nur bei traumhaftem Wetter in einem nicht enden wollenden Sommer.

2012-08-16-Liegestuhl

Ein Versuch könnte ja nicht schaden, dachte ich und studierte Anzeigen, meldete mich bei Gartenvereinen an und radelte Kolonien ab. Die ersten Erfahrungen reichten von ernüchternd bis erheiternd (wenn man es mit dem nötigen Galgenhumor nahm) – ungefähr eben wie eine Wohnungssuche. Parzellen von der Größe eines Bettlakens und mit dem Charme eines Kartoffelackers oder mit Stachelgestrüpp à la Dornröschen, darauf ein baufälliger Schuppen, der den Namen Laube schon vor dreißig Jahren nicht verdient hat, gelegen am besten unter einem Hochhaus, von überallher einsehbar und direkt neben der Stadtautobahn.

Nein, das alles wollte ich auf gar keinen Fall. Immerhin lernte ich allmählich die Anzeigen zwischen den Zeilen zu lesen, und wusste, wo sich eine Besichtigung gar nicht erst lohnt.

Dann kommt auf einmal ein Anruf von einem Verein, wo ich auf der Warteliste stehe: „Wir hätten da eventuell etwas für Sie. Es gibt noch andere Interessenten, aber Sie können es sich ja schon einmal von außen anschauen.“ Ich bekomme eine Wegbeschreibung und schwinge mich aufs Rad. Es ist April, ein grauer Tag, das Grundstück sieht ganz passabel aus, die Laube auch. Die Lage ist in Ordnung, denke ich, einige Pflanzen sind zwar recht hässlich, aber das lässt sich bekanntlich am ehesten ändern. Ringsherum eine hohe Hecke, noch ist sie kahl, schirmt aber trotzdem allzu neugierige Blicke ab. Ich schieße ein paar Fotos und schaue sie mir zu Hause noch mal an. Na ja, könnte schlimmer sein. Schon wesentlich scheußlichere Gärten gesehen.

2011-04-01-Erster-Besuch-8.April

Die nächste Woche habe ich meinen Kopf woanders, aber der Gedanke lässt mich nicht wieder vollständig los. Am Wochenende kann ich meine Neugierde nicht mehr bezwingen und radle wieder hinaus. Die vorsichtig positiven Eindrücke verstärken sich, die Bedenken aber auch. Doch ohne dass es mir wirklich bewusst ist, habe ich längst Blut geleckt und schleiche mit lauerndem Blick um das Grundstück herum wie ein Märzkater. Noch ist ja auch alles unverbindlich, beruhige ich mich. Dann wieder will ich mich gar nicht zu sehr freuen, schließlich gibt es noch diese Mitbewerber, und am Ende ist alles heiße Luft. Aber schon eine Woche später kommt wieder ein Anruf vom Vorstand: Die anderen Interessenten sind alle abgesprungen, ich bin die Nummer eins auf der Liste und muss mich nur noch mit der Vorpächterin einigen. Ich bekomme ihre Telefonnummer, rufe die Dame an und mache einen Besichtigungstermin mit ihr aus.

Der fällt auf den Ersten Mai, und der ist in diesem Jahr strahlend sonnig. Nur knapp drei Wochen nach meinem ersten Besuch von außen ist die Hecke auf einmal lichtgrün und vollkommen blickdicht. Ich schließe mein Rad an einem Laternenpfahl fest und öffne das Gartentor. Der Weg führt erst um eine Ecke herum …

2011-05-17-Hecke

… und dann muss ich wie geblendet die Augen schließen. Mich in den Arm kneifen. Die Augen wieder aufreißen. Ich bin in einer anderen Welt. Und schon nach wenigen Metern weiß ich instinktiv, dass ab jetzt kein Weg mehr zurückführt .Das Abenteuer hat begonnen – und zwar unwiderruflich …

2011-05-15-Steingarten

 

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Comments

One Response to “Warum wird man ausgerechnet Kleingärtner?”
  1. Heidi sagt:

    Hallo green friday
    Lokalheldin gefällt mein Artikel „Pflanze deinen subversiven Garten“
    http://heidismist.wordpress.com/2013/03/27/pflanze-deinen-subversiven-garten/
    Ein Link auf ihrer Seite hat mich zu euch geführt. Ich befasse mich zwar hauptsächlich mit dem Gewässerschutz in der Landwirtschaft, interessiere mich aber für Urban Farming, grün-gefärbtes Wachstum … verschmutzte Gewässer durch Körperpflegemittel … Ich finde euren Blog interessant.
    Grüsse aus der Schweiz
    Heidi

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