Gleichberechtigung: Warum es den Frauentag weiterhin braucht

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Auf dem Papier sind Frauen und Männer gleichberechtigt. Dennoch gibt es – auch hierzulande – noch so viel zu tun. Aber was eigentlich genau? Hier kommt eine (ganz sicher unvollständige) Auflistung rund um das Thema Gleichberechtigung von Frau und Mann.

Gleichberechtigung im Beruf

Was ich immer wieder lese: Warum sind so wenige Frauen DAX-Vorstände? Nun, ich muss gestehen, dass mich dieses Thema nicht besonders fesselt. Vielleicht, weil sie keinen Bock auf das ätzende Börsen-Game haben? Ich bin jedenfalls fest überzeugt, dass hier nicht das Problem zu finden ist, das wir in Sachen Gleichberechtigung lösen müssen. Der eigentliche Skandal ist doch, dass etwa erzieherische, soziale und pflegerische Berufe nach wie vor so schlecht entlohnt werden – ein Berufsfeld, in dem vorrangig Frauen arbeiten. Währenddessen sind etwa naturwissenschaftliche, technische und wachstumsbezogene Berufe meist von Männern besetzt – und viel besser bezahlt. Ätzend! Daran würde sich auch nichts ändern, wenn plötzlich alle DAX-Vorstände weiblich wären. Generell aber sind natürlich weibliche Vorbilder wichtig, weil sie Mädchen in der Berufsorientierung zeigen “du kannst das schaffen”.

Gender Pay-Gap

Doch nicht genug damit, dass Berufe, in denen mehr Frauen arbeiten, tendenziell schlechter bezahlt werden – auch für genau gleiche Arbeit erhalten Frauen hierzulande nach wie vor durchschnittlich weniger Geld. Dabei ist zwischen dem bereinigten und dem unbereinigten Gap zu unterscheiden. Insgesamt verdienen berufstätige Frauen in Deutschland rund 21% weniger als Männer. Vergleichen wir innerhalb der gleichen Arbeitsplätze, werfen also nicht alle Jobs und Gehälter in einen Topf, sondern schauen einzelne Berufe genauer an, liegt die Differenz bei 6%. Will sagen: Personen mit genau den gleichen Qualifikationen im gleichen Job bekommen im Schnitt 6% weniger Gehalt, wenn sie weiblichen Geschlechts sind. Schon deutlich weniger als die oft ohne diesen Kontext genannten 21%, aber auch diese sechs Prozent sind sechs Prozent zu viel.

Care-Arbeit: Wo ist da die Gleichberechtigung?

Schauen wir uns mal in den Familien um: Da finde ich echt wenig Gleichberechtigung. Selbst in Familien, die sich des Themas bewusst sind, leisten Frauen einen Großteil der Care-Arbeit und des Mental Loads. Das heißt: Sie gehen in Elternzeit, wenn ein Kind kommt (meistens für mindestens ein Jahr, während Männer oft gar keine Elternzeit oder zwei Monate nehmen – oft dann übrigens gleichzeitig mit der Frau), haben in der Zeit also nur eingeschränktes Einkommen und zahlen weniger in die Rentenkasse ein. Und wenn das Kind in den Kindergarten kommt? Dann geht die Frau in Teilzeit, weil der Mann ja eh mehr verdient und kann so auch das Kind vom Kindergarten abholen. Und fürs Abendessen einkaufen und kochen und an 100 weitere Kleinigkeiten denken. Wenn dieses Modell klar so geplant ist spricht da natürlich nichts gegen. Meistens passiert es aber einfach, „weil es schon immer so war“. Es gibt Familien, die hier schon sehr gleichberechtigt agieren, das ist aber nach wie vor die Ausnahme.

Wahrnehmung von Frauenkörpern

Allein das Nippel-Gate in den sozialen Medien sagt eines aus: Frauenkörper werden sexualisiert, während Männerkörper erst mal einfach da sind. Ein Mann kann sich im Sommer auch mal sein Shirt ausziehen und hat keinen Spruch zu befürchten. Stellt euch mal vor, ich würde das tun. Und wenn ich ein Bild meines nackten Oberkörpers bei Instagram hochladen würde, würde das Bild gelöscht werden, während mein Mann das einfach machen könnte und keine Löschung seitens der Plattform befürchten müsste. Ein kurzer Rock oder ein tiefer Ausschnitt lassen Männern ja quasi keine andere Wahl, als die Frau zu belästigen. Wrong on all levels, hier sind wir noch weit von einer Gleichberechtigung entfernt. 

2021 und es muss immer noch ganz vielen beigebracht werden: Nein heißt nein!

Medizin: Wieso gibt es eigentlich die gleichen Medikamente für alle?

Vor etwa zwei Jahren bin ich erst auf dieses Thema gestoßen, ich glaube durch Jan Böhmermanns Video. Es ist nämlich so, dass Arzneimittel in der Regel an Männern getestet werden. Erst an männlichen Tieren und dann an männlichen Menschen. Die sind einfacher, die haben keinen Zyklus, die sind „immer gleich“. An Frauen zu forschen ist viel umständlicher, weil sich der weibliche Hormonhaushalt ständig verändert. Deswegen kriegen Frauen die gleiche Medizin wie Männer. Manchmal werden leichte Dosierungsunterschiede angegeben, that’s it. Das heißt: Fast alle Medikamente sind in ihrer Wirkungsweise gar nicht für Frauen erforscht. Nun, da ist das Patriarchat wieder einmal im Weg. Zeit, dass sich das mal ändert! Hier ein guter Artikel aus der ZEIT, der das Thema vertieft.

Das düsterste Kapitel: Gewalt. 

Frauen wird durch Männer so unfassbar viel Gewalt angetan. Umgekehrt passiert das deutlich (!) seltener. In Deutschland versucht jeden Tag, JEDEN TAG!!, ein Mann eine Frau umzubringen. Jeden dritten Tag gelingt das auch. Die Medien neigen dann dazu, diese Femizide als „Beziehungsdrama“ oder „Eifersuchtsgeschichte“ kleinzureden. Nein, das sind Femizide, da sterben Frauen. Weil Männer sie umbringen. Häusliche Gewalt richtet sich auch deutlich häufiger gegen Frauen, ebenso wie sexueller Missbrauch. Solange ich Abends ein Taxi nehme, weil mir der Heimweg zu unsicher ist, solange ich die Straßenseite wechsele, weil da eine Gruppe angetrunkene Männer steht, solange Frauen sich aus Angst vor ihren Partnern nicht trauen Beziehungen zu beenden – so lange sind wir noch nicht im Ansatz durch mit Gleichberechtigung. 

Und warum jetzt der Frauentag?

Das ist wie mit all diesen Tagen – es geht um Aufmerksamkeit für die Thematik. Natürlich sollte jeden Tag Frauentag sein, genauso wie jeden Tag die Kinderrechte eingehalten werden sollen, Krebs-Prävention betrieben werden soll und Rassismus immer bekämpft werden soll. Der Frauentag soll bleiben, bis wir Frauen uns einig sind, dass es ihn nicht mehr braucht. Und er soll selbstverständlich nicht nur um die Bedürfnisse von weißen cis-Frauen gehen, sondern um alle, die unter dem Patriarchat leiden.

Stimmt!

Das Titelbild ist von Raquel García über Unsplash – vielen Dank!

Kategorien Gesellschaft

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Mom of 2, irgendwo zwischen Festival und Ökomarkt zu finden. Eiscremesüchtig. Meistens gut gelaunt, manchmal aber auch sehr wütend und voller Weltschmerz - und wer sein Chaos beherrscht, ist ja ein Genie, stimmt’s?

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