Hört endlich auf, meine Beine zu shamen!

Ich bin groß, 1,81 Meter um genau zu sein. Und ich bin nicht zart. Aber ich bin im Grunde genommen ziemlich normal. Die “Durchschnittsfrau” ist ein Stück kleiner und schmaler, ich sehe ein bisschen so aus, als hätte man mich in Photoshop größer gezogen, aber die Proportionen beibehalten. Soweit, so gut.

Kleid: Armedangels, Socken: Spirit of 76, Schuhe: Veja

Die Klamottenindustrie – hierbei übrigens völlig egal ob eco und fair oder nicht – ist nicht darauf eingestellt, dass es Frauen gibt, die ein bisschen größer sind und dickere Beine, ordentlich Hintern oder gar kein kleines Bäuchlein haben. Wahrscheinlich ist es euch nie aufgefallen, weil man auf sowas ja nicht unbedingt achtet: Ich trage nie Hosen. Weil ich keine finde, in die ich reinpasse. Ich sträube mich, in Übergrößenläden zu gehen. Die gibt es erstens nicht mit fairer Mode (soweit ich weiß?!), außerdem fühle ich mich einfach nicht übergroß und brauche auch nicht extra-viel Stoff am Bauch oder so, sondern ich bin ganz normal. Echt. Die Klamottenindustrie findet mich aber nicht normal. Armedangels, KOI und wie sie alle heißen machen dahingehend übrigens nichts besser als Wrangler, Urban Outfitters und Co. Ich habe eine einzige Jeans, die ist von Nudie (die größte Größe die sie haben, der freundliche Verkäufer hat eine halbe Stunde das Lager abgesucht bis er die “Riesenhose” gefunden hat) und ich fühle mich leider nicht so richtig wohl darin, aber vielleicht freunden wir uns ja noch richtig an, irgendwann.

Meine Hose, tadaa. Von Nudie. Schuhe: ekn, Beutel: Peta, Shirt: Zugezogen Maskulin.

Laut BMI ist bei mir alles cool: Ich bin 1,81 Meter groß und wiege 80 Kilo, das ist grade so noch Normalgewicht. Und es ist vor allem das Gewicht, das ich halt habe, wenn ich mir keine großartigen Gedanken darum mache. Also wenn ich esse, wonach mir ist, mich bewege aber nicht krass viel Sport mache und so weiter. Ich bin nicht bereit, Lebensqualität und Genuss für ein paar Kilo weniger aufzugeben.

Jetzt kommt das ABER!

Aber: Ich muss(te) regelrecht mit mir kämpfen, um glücklich mit mir und meinen Beinen zu sein. Ich habe diesen Kampf mittlerweile so halbwegs gewonnen, ich trage Röcke, manchmal sogar ohne Strumpfhose und öfter sogar ziemlich kurz. Das ist nicht selbstverständlich, das hätte ich früher niemals getan. Meine Beine sind toll, sie tragen mich schon seit 31 Jahren ohne zu murren durchs Leben. Ich kann weite Strecken ohne Probleme zurücklegen und Kraft habe ich auch einige in den Beinen – ist ja nicht alles Speck. Ich sehe halt nicht aus, wie “die Frauen in der Werbung”. Mein Verstand sagt mir, dass das völlig wurscht ist, mein Gefühl dazu wird besser, ist aber noch nicht bei vollkommener Zufriedenheit.

Foto von Krousky. Ganz normale Waden, sollte man meinen.

Ich würde mir wünschen, dass die Klamottenindustrie mehr Körpern eine Chance gibt. Größe L ist oft echt ganz schön klein, XL wird meist nicht produziert. Darüber hinaus schon mal gar nicht. Ich habe zum Beispiel noch keinen Anbieter fairer Bademode gefunden, wo ich ins Höschen passe. Das kann doch nicht wahr sein?! Jeder Versuch, Bademode oder Unterteile (die keine Leggings sind) zu kaufen, ist ein kleiner “walk of shame” und ich gehe unverrichteter Dinge wieder nach Hause. Auch beim Online Shopping habe ich keine Chance zu sehen, wie die Sachen an MIR aussehen würden. “Lena ist 1,80m groß und trägt Größe S” steht gerne mal neben den Beschreibungen. Genau, das Kleidungsstück würde bei mir so anders aussehen, zeigt mir doch anhand einer anders geformten Frau, wie. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich die einzige Frau mit diesem von außen gemachten Problem bin. Hört doch endlich auf, meine Beine zu shamen und produziert Mode auch für die, die ein bisschen neben der Norm und dem (angeblichen) Ideal stehen! <3

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12 Responses to “Hört endlich auf, meine Beine zu shamen!”
  1. Annette says:

    Vielen Dank für deinen Post! Ich finde es furchtbar, dass in Zeitschriften und so, die Models immer groß und dürr und wohl proportioniert sind. Das entspricht einfach überhaupt nicht der Realität. In diesem Zusammenhang finde ich das Zitat von Tansy Hoskins super: Frauen sind ein zu rentabler Markt, als dass man ihnen erlauben könnte mit ihrem Körper zufrieden zu sein.

  2. Patricia says:

    Toller Artikel und so wahr. Ich bin auch 1,79 cm und wiege, wenn ich gerade nicht schwanger bin wie derzeit, zwischen 70 und 75 Kilo. Ich bekomme zwar Hosen, aber gerade bei kürzeren Kleidern ohne Strumpfhose hadere ich mit meinen Beinen. Besonders mit meinen kräftigen Waden. Am liebsten verstecke ich sie unter Maxikleidern. Deine Beine finde ich aber schön. 🙂

    • Anna says:

      Hi Patricia,

      erst mal: Glückwunsch zum baldigen Baby 🙂

      Nach der Schwangerschaft hat sich mein Körpergefühl total verändert… eher zum Guten. Da merkt man, was eine gewisse Robustheit auch für Vorteile hat. Und dein Kind wird eh DICH am schönsten finden. Egal, welche Beinumfang du hast oder so… das tut auch gut.

      Ich finde meine Beine auch ok, und bin ganz sicher, dass deine es auch sind!! <3

  3. Vera says:

    Hallo Anna,
    du hast tolle Beine und weißt sie in Szene zu setzen! Vor allem das letzte Bild ist Hammer!
    Noch toller finde ich aber deinen Umgang mit dem Thema, denn das ist echt bewundernswert, wenn man heute über allgegenwärtige “Normalmaße” drüberstehen kann – im wahrsten Sinne des Wortes. Ich will mal ganz ehrlich sein, ich kann das nicht. Am Anfang meiner Blogzeit wurde ich oft angegriffen, weil meine Schnittmuster nur bis M gehen. Das war keine böse Absicht, es hängt einfach mit meinen Skalierungsfähigkeiten zusammen, ich muss ja schließlich dafür geradestehen, wenn das Resultat nicht passt. Was is also die Lösung? Eigentlich ist ja eine Normierung von Größen an sich schon problematisch, aber irgendeinen Anhaltspunkt muss es vielleicht geben.
    Vielleicht bist du einfach nicht für Hosen gemacht 😉 Ich zB fühle mich in Röcken und Kleidern nie wohl. Nie!
    Was definitiv nicht die Lösung ist, ist sich anzupassen. Das zeigt ja dieser aktuelle Film sehr schön, der gerade viral geht. Ich habe selbst früh begonnen, meinen Körper mit viel Sport und Ernährungsdisziplin auf ein Idealmaß zu bringen und mich für jedes Stück Schokolade oder Sport-Ausfallen-Lassen zu hassen. Freunde machen sich manchmal über mich lustig, wenn ich eine Praline noch zerteile und das tut gut: Weil das mit der Selbstliebe eben im Kopf anfängt und nicht an idealen hängt. Da muss ich noch viel lernen, ich kriege das nur phasenweise hin. Umso bewundernswerter fand ich das schon auf Amrum, wie du diesen Prozess doch gemeistert hast!

    Der Grund, warum ich den jetzt doch viel zu persönlichen Kommentar veröffentlichen möchte: Ich finde diese Anti-Bodyshaming-Bewegung gut und ich glaube wir können uns gegenseitig nicht oft genug sagen, dass es nicht auf Ideale ankommt. Wenn wir das als Frauen gemeinsam hinkriegen, anstatt implizit “mitzumachen” kann das auch klappen. Bei anderen findet man schließlich auch nicht die 0-8-15-Topmodelmaße am schönsten, sondern die Person mit dem offenen Lachen/der lässigen Attitüde/der tollen Ausstrahlung/…

    Liebe Grüße,
    Vera

    • Anna says:

      Liebe Vera,
      danke für deine schönen und offenen Worte!! <3
      Wir sollten alle keine Komplexe haben... du bist ja zum Beispiel auch ein wunderschöner Mensch - und wärest es bestimmt auch, wenn du ganze Pralinen essen würdest.
      Das ganze Wohfühl-Ding ist halt nicht so einfach: Wir wissen, dass viel falsch ist, das in der Werbung etc. suggeriert wird. Dennoch ist es voll schwer, sich dem total zu entziehen. Am Ende stehe ich auch immer wieder vor dem Spiegel und denke "Mensch, wäre aber schöner mit weniger Bauch, das Kleid." Aktuell versuche ich, mich auch mit bisschen Bauch schön zu finden.
      Wobei ich auch nicht sagen will, dass man sich mit sich selber keine Mühe geben sollte... Sport machen, auf die Ernährung achten etc. hat ja auch eine Menge guter Aspekte, auch abgesehen von der Figur. Ich denke, ein Mittelmaß ist - wie bei so vielen Themen - etwas erstrebenswertes.

      Und du lebst doch jetzt in Berlin, oder? Lass uns beizeiten mal nen Kaffee, Tee, Drink, Smoothie oder was auch immer trinken 🙂

  4. Anne says:

    Vielen Dank für deinen Artikel! Ich kann das Thema so gut nachvollziehen. Seit einigen Jahren Versuche ich auch nur noch “faire” Mode zu kaufen, was mir mit 1,83m und Größe 44 einfach nicht immer gelingt. Oft greife ich auch auf Second Hand zurück. Es ist so schade, dass Armed Angels und Co nicht weiter denkt und die Kollektionen eher schmal produziert.
    Wenn ich mal etwas neu kaufe, lande ich meist bei Maas Natur Mode, die eigentlich immer passt (bei Hosen gibt es zum Teil auch lange Größen). Doch Alternativen hierzu wären wirklich schön.

    Viele Grüße

    • Anna says:

      Hi Anne,

      bei LANIUS hat man auch manchmal Glück… ich denke, es ist wichtig auch immer wieder nachzufragen, um deutlich zu machen dass Bedarf besteht! 🙂

      Liebe Grüße!
      Anna

  5. fraupanne says:

    oh ich kenn das so gut!
    auch strumpfhosen sind so gut wie nie passend, wenn sie beinlänge und -umfang entsprechen ist der teil oberhalb des schritts so lang, dass ich es bis unter die achseln ziehen könnte. leggings, kleider und röcke sind meine freunde.
    lieben gruß von einer leidensgenossin, die auch ihre einzige hose nur selten und immer noch ungern trägt.
    fraupanne.

    • Anna says:

      Stimmt, Strumpfhosen sind auch gemein. Ich finde, dass die XL von Falke ganz gut geht, davon habe ich ein paar und bin echt ganz zufrieden. Vielleicht wären die auch was für dich? Nicht öko, aber immerhin in Deutschland produziert…

      Leggings, Kleider und Röcke sind ja auch toll! Aber ich würde halt auch gerne mal Jeans tragen KÖNNEN. Wenn ich es dann lasse, weil ich Kleider lieber mag, ist das was anderes 🙂

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