Fluch oder Segen? Flugreisen

Ich habe es in den letzten Jahren geschafft fast gar nicht mehr zu fliegen. Ich verzichte weitgehend darauf, weil ich es inkonsequent finde, dass ich beim Einkaufen so viel Plastik wie möglich weglasse, mir der Ökostrom ganz wichtig ist und ich in jedem Café nach der Herkunft der Milch frage, wenn ich dennoch bei jeder Gelegenheit in ein Flugzeug steigen würde. Nun habe ich “es” aber wieder einmal getan – ich habe eine Flugreise gebucht. San Francisco, here I come. Mit meiner unbändigen Vorfreude geht aber auch ein ungutes Gefühl einher. Ich habe mich entschlossen, für meine persönliche Freude (und der von meiner Tochter und meinem Mann) jede Menge Kerosin in die Luft gelangen zu lassen. Me against the world.


Foto: Slava Bowman

Pro Flugreise

Andere Länder und Kulturen zu sehen ist so bereichernd. Mal über den eigenen Tellerrand zu sehen und zu schauen, was in anderen Ländern so los ist, wie dort das Lebensgefühl ist. Und andere Landschaften zu sehen, die Natur zu genießen. Fremdsprachen zu hören und ein paar Fetzen davon zu erlernen. Das sind alles Dinge, die wertvoll und wunderbar sind. Einen Teil Europas erreicht man relativ gut mit dem Zug oder dem Auto (was immer noch viel besser ist als fliegen!) – sobald es ein bisschen weiter weggehen soll, kommt man damit aber nicht besonders weit. Zumal bei den meisten von uns Zeit auch ein rares Gut ist und wir nicht zwei Wochen für die Anreise investieren können. Es ist schon toll, dass man innerhalb von einem halben Tag ans andere Ende der Welt kommen kann.


Foto: Freddy Castro

Contra Flugreise

Aber ist es nicht total ätzend, wenn ich meinen kleinen Horizont erweitere und beispielsweise zu einem Korallenriff reise und dort tauche um die tollen Farben  mal live zu sehen, wenn ich mit meiner Reise zu diesem Riff dazu beigetragen habe, dass es seine Farbe verliert? Damit beschere ich mir persönlich bestimmt eine tolle Erfahrung, beraube aber die Generationen nach mir dieser Möglichkeit. Hunderttausende Menschen in der Welt leiden außerdem enorm unter dem Fluglärm, da sie in Einflugschneisen wohnen.


Foto: Crystal Gard

Auf Atmosfair kann man sein zum Beispiel durch Flugreisen verursachtes CO2 kompensieren. Besser ist es natürlich, kein CO2 auszustoßen. Wenn man es aber tut, sollte man es zumindest ausgleichen. Die Zahlen schockieren mich. Hier die Berechnung für meinen Flug nach San Francisco:

Allein der Flug stößt also doppelt so viel CO2 aus wie mir im Jahr “zustehen” würde. Doppelt so viel. Absurd. Wenn ich daran denke, wie manche Menschen durch die Gegend jetten, wird mir ganz schlecht. Zumal dieser Flug ja nicht das einzige ist, das ich in diesem Jahr auf meinem CO2-Konto habe.

Und was nun?

Ja, schwere Frage. Gar nicht mehr fliegen? Nie wieder ein crazy Urlaub irgendwohin, wo die Welt so ganz anders tickt? Auf die Bereicherung verzichten? Ich denke, wir sollten uns erst einmal alle bewusst werden, was ein Flug für die Umwelt bedeutet. Wenn man das weiß, überlegt man sich die Reise bestenfalls noch ein paar mal, bevor man wirklich bucht.

Eines sei übrigens hiermit ganz klar gesagt: Innerdeutsche Flüge sollten wir alle ab sofort und für immer bleiben lassen. Die Zeitersparnis ist dem Zug gegenüber minimal, der CO2-Unterschied aber maximal. Mal abgesehen davon, dass man im Zug sogar entspannter sitzen und arbeiten kann als im Flugzeug. Mittlerweile funktioniert sogar das WLAN in Zügen weitestgehend. Von der Beinfreiheit mal ganz abgesehen. Und meine gefüllte Wasserflasche stellt im Zug auch kein Problem dar.


Foto: Josh Nezon

Hier das Beispiel Berlin – Köln. Sagen wir mal, dass ich vom Schlesischen Tor in Berlin zum Friesensplatz in Köln möchte.
Zug
25 Minuten mit der BVG zum Hauptbahnhof
5 Minuten Umsteigezeit
04:21 Stunden mit dem Zug von Berlin Hbf nach Köln Hbf
5 Minuten Umsteigezeit
3 Minuten mit dem KVB zum Friesenplatz
= 05:01 Stunden unterwegs

Flieger
40 Minuten mit der BVG nach Tegel
60 Minuten Umsteigezeit
1:10 Stunden Flug von Tegel nach Köln-Bonn
30 Minuten Umsteigezeit (wenn der Koffer flott kommt)
30 Minuten mit dem KVB zum Friesenplatz
= 03:50 Stunden unterwegs

Wir brauchen also etwa eine Stunde länger mit der Bahn. Es mag sie geben, diese komplett verrückten Tage, an denen diese Stunde viel wert ist. Die sind aber nicht die Regel. Auch nach London oder Wien kommt man übrigens mit dem Zug, wobei man da von Berlin aus schon 11 bzw. 9 Stunden rechnen muss.

Mein Appell an uns alle

Lasst uns mehr nachdenken, bevor wir einen Flug buchen und erst mal die Alternativen checken:

  • Wie viel länger brauche ich mit anderen Verkehrsmitteln und habe ich die Zeit wirklich nicht?
  • Müssen wirklich drei Urlaube im Jahr mit dem Flugzeug sein, oder nehme ich mir besser ein wenig länger am Stück frei und mache eine längere Reise?
  • Kann ich den ein oder anderen Geschäftstermin nicht doch per Skype regeln, muss ich da wirklich persönlich anwesend sein?

Wenn wir das alle beherzigen und die Flüge entsprechend reduzieren, haben wir schon ganz schön viel geschafft. Bitte weitersagen!

Mehr Infos findet ihr unter anderem auf diesen Websites:
Atmosfair
zeit.de
NABU
Umweltbundesamt
taz
BR.de

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Comments

3 Responses to “Fluch oder Segen? Flugreisen”
  1. Anne says:

    Hallo Anna,
    klar ist das ein heikles Thema, finde aber dass in dem Text klar rauskommt, dass Du niemanden angreifen wolltest 😉
    Viele Grüße und Gute Reise!!

  2. Anne says:

    Jippiiieee! Endlich schreibt mal Jemand über dieses Thema. Ich habe mich schon oft gewundert über Menschen, die sich im Alltag wirklich alle Mühe geben ihr Tun möglichst nachhaltig zu gestalten, dann aber bis zu dreimal im Jahr nach Indien, Afrika oder Südamerika fliegen. Wie so oft, sind es auch hier die Extreme, die mich dabei so ärgern. Ich finde nicht, dass man komplett darauf verzichten sollte sich mal ein anderes Land anzuschauen, aber es sollte sich in Grenzen halten und wenn man eine Flugreise plant, wäre es gut, wenn es dann nicht für ein Shoppingwochenende ist, sondern ein mehrwöchiger Aufenthalt. Ich selbst bin Mitte Dreißig und kann meine Flugreisen an einer Hand abzählen: Amerika, Südamerika und Türkei. Nun ist der letzte Flugurlaub schon über 10 Jahre her und ich komme damit bisher sehr gut zurecht. Allerdings bin ich mir auch ziemlich sicher, dass ich zumindest noch einmal eine Flugreise antreten werde. Bis dahin genieße und entdecke ich weiterhin unser schönes Europa und schaue mir Reportagen über ferne Orte an. Wie bei fast allen Dingen, finde ich es wichtig sich die Dinge bewusst zu machen und irgendwie ein gesundes Mittelmaß zu finden. Vor allem als Kind ist es sicher wichtig und gut mal eine andere Kultur kennenzulernen.

    • Anna says:

      Hi Anne,
      ja, ich finde das Thema so wichtig. Und ich fand es schwer, Worte zu finden, die das Thema klar benennen, von denen sich aber nicht direkt jeder total auf den Schlips getreten fühlt. Ich hoffe, das ist halbwegs gelungen.
      Viele Grüße
      Anna

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